spirituell

„Was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist“ – Quod natum est ex Spiritu, spiritus est (Joh 3,6).

»Glaube« ist seelisch-geistiges Ergriffensein von Gottes Geist.
Durch den Glauben wird Gott in uns bewusst gegenwärtig, erleuchtet unsere Vernunft, geleitet unser Handeln.
Der »Glaubensgeist« (spiritus fidei) versetzt uns auf spirituelle Weise in das Sein Christi, dass wir mit Gott verbunden sind, wahrhaftig leben. 
Der angenommene, vertiefte und gelebte Glaube ist »Spiritualität«.

bewusstsein

Der Glaube ist das „Gehör der Seele“ (Clemens, Stromata V,2,1). Er öffnet sie für das verwandelnde Wirken des Geistes, setzt einen spirituellen Transformationsprozess in Bewegung, worin der Mensch seine wahre, endgültige Bestimmung findet. Ziel des Lebens ist die beseligende »Schau Gottes« (visio beatifica). Christus sagt: „Selig, die ein lauteres Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8). 

Unter dem Antrieb des Geistes reift ein mystisches Glaubensbewusstsein, in dem Gott als Geheimnis unseres Lebens um seiner selbst willen gesucht, erkannt und geliebt wird. Die Verwirklichung dieser geistigen Dynamik auf Gottunmittelbarkeit hin durch vertiefte Selbsterfahrung, ethisches Handeln und spirituelle Übung ist »Geistliches Leben« (vita spiritualis). 

Der »Geistliche Mensch« (homo spiritualis) gewinnt durch Gottes Gnade, seinen psycho-spirituellen Reifungsprozess, inneren Anteil an der gottunmittelbaren Seinsweise Christi (Logos), im Unterschied zum entfremdeten Menschen, welcher durch sein Unerleuchtetsein noch dem „Geist der Welt“ verhaftet ist (1 Kor 2,12f.). Meister Eckhart erklärt: „Es gibt zweierlei Geburt des Menschen: eine in die Welt und eine aus der Welt, will sagen, geistig in Gott hinein.“ (Pred. 76).

lebensziel

Unsere Existenz vollendet sich in der Einung mit dem dreieinigen Gott, wenn wir das Tor des Todes durchschreiten: „Dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13,12). Der Mensch wird hineingenommen in das Leben von »Vater« (Ursprung) und »Sohn« (Ebenbild) und »Geist« (Liebe): „Wie, du Vater, in mir bist und ich in dir, sollen auch sie in uns sein.“ (Joh 17,21).

Es ist der Wille Gottes, den Menschen durch Christus mit sich zu einen. Meister Eckhart sagt: „Gott will selbst allein und gänzlich unser Eigen sein. Dies will und erstrebt er, und darauf allein hat er es abgesehen, daß er's sein könne und dürfte. Je mehr und umfassender er das sein kann, umso größer ist seine Wonne und seine Freude.“ (Reden, c. 23).

»Spiritualität« bedeutet Bewährung im Alltag als Leben aus dem Geist Gottes, das den Glauben immer mehr personalisiert, selbstbewusster und gottförmiger macht­. Zunächst ist damit keine besondere, einzelne Lebensform gemeint, sondern das befreiende Erfülltsein vom Heiligen Geist. Der Mensch wird aus dem naturhaften, gottfernen Seinszustand in die göttliche Dimension erhoben. Es ist eine geistliche Wiedergeburt des Glaubenden, dass das Innesein in Christus begründet: „Wenn jemand in Christus ist, ist er eine neue Schöpfung.“ (2 Kor 5,17).

geist

»Spiritualität« meint zunächst die gelebte Grundhalt­ung des Christen, der sein erneuertes Sein und Wirken, seine wahre Selbstwerdung und Identität aus Gott empfängt. Origenes hat dies als unablässige, spirituelle »Gottesgeburt« gedeutet: „Selig aber, wer immer aus Gott geboren wird. Nicht nur einmal, so möchte ich sagen, wird der Gerechte aus Gott geboren, sondern in jedem gutem Werk wird er geboren, weil in diesem Werk Gott den Gerechten gebiert.“ (Homiliae in Ieremiam 9,4).

Die Ausprägung einer besonderen »Spiritualität« ist in der Charismen-Lehre des Apostels Paulus grundgelegt. Zum Aufbau und zur Einheit der Gemeinde wirkt der Heilige Geist  bestimmte Gnadengaben: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur einen Herrn.“ (1 Kor 12,4f.).

Erst aus dieser Perspektive ergeben sich in der Kirche die verschiedenen Formen geistlichen Lebens, spirituellen Gemeinschaften und Gruppen, welche mehr oder weniger institutionalisiert sein können. Schließlich meint »Spiritualität« die gestaltgebenden, typischen Elemente, welche unsere persönliche Beziehung zu Gott, eine bestimmte Tradition, Epoche, Gemeinschaft oder Übungsweise ausmachen (exercitia spiritualia).
 

integration

Das Ideal christlicher Spiritualität ist das Gott-finden in allen Dingen, die Einheit von Kontemplation und Aktion, Engagement und Gelassenheit. Dazu bedarf es einer »Spirituellen Pädagogik«, welche für das Christsein im Alltag die nötigen integrativen Methoden, organisationale Strukturen und Gemeinschaftsformen vermittelt. Grundlage dazu bildet die Bereitschaft, die kontemplative und psychologische Dimension des Glaubens mehr zu verwirklichen.

Das Spezifische »Geistlichen Lebens« liegt in dem entschiedenen, methodischen Streben nach ganzheitlicher »Vollkommenheit«, einer intensiven Motivation, den Willen Gottes in allen Dingen zu suchen und zu erfüllen (Mt 5,48). Dies zeigt sich in einem beständigen Wachstum (magis) an Bewusstsein, Gottvertrautheit, Tugendhaftigkeit und Gelassenheit.

Thomas von Aquin erklärt: „Ein jedes Ding heißt vollkommen, sofern es das ihm eigene Ziel  erreicht, worin seine letzte Vollendung gelegen ist. Die Liebe (caritas) aber ist es, die uns mit Gott verbindet, der das letzte Ziel des menschlichen Geistes ist, denn ›wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm‹ (1 Joh 4,16). So besteht die Vollkommenheit (perfectio) des christlichen Lebens besonders in der Liebe.“ (Sth. II-II, q. 184, a. 1).