solidarisch

„Der Geist der Wahrheit wird euch in die ganze Wahrheit führen“ – Spiritus veritatis deducet vos in omnem veritatem (Joh 16,13).

Spirituelle Solidarität ist universell, wird mit allen Menschen geteilt, die nach befreitem Leben, Wahrheit, Erleuchtung, unverbrüchlichem Sinn und Gott als Geheimnis ihrer Existenz suchen. 
Der im Glauben bewältigte Schmerz an der Gottesferne vertieft den geistlichen Austausch. 

gemeinschaft

Die Erfahrung Gottes, der Glaubenszugang wird durch einfache Natürlichkeit, rechte Disposition, geistliche Bildung und Übung erleichtert. Glaubensform, Spiritualität, Gemeinschaft und Methoden müssen der Wirklichkeit Gottes, der Wesensnatur des Menschen, persönlichen Individualität und gesellschaftlichen Einwicklungsstufe entsprechen. Je größer die Übereinstimmung in Geist und Form, desto unmittelbarer die Transzendenzerfahrung, solidarischer die Verbundenheit der Menschen.

Bezeugung, Vertiefung und Bestätigung des göttlichen Trostes in der persönlichen Begegnung, spirituellen Austauschgruppe und liturgischen Feier ist »Spirituelle Solidarität«. Es ist ein gegenseitiges Innenwerden des »Gott allen Trostes« (2 Kor 1,3) durch die zweckfrei geteilte Existenzerfahrung im geistlichen Austausch. Ein Ernstnehmen der Anderen in ihrer transzendenten Dimension, ihrer Sehnsucht nach Identität, Sinn und Liebe, ohne falsche Scham und Absicht. In der Weise, dass die Begegnung von Ich und Du einen diaphanen Charakter gewinnt, das gemeinsame Wir im Sinne eines trosthaften »Dritten« transparent wird für Transzendenz.

Das spirituelle »Wir« der Gemeinschaft wird erfahrbar, wenn der Einzelne das „Wunder des Glaubens“ (K. Barth) erkennt, dessen Geschenkcharakter, mystische Dimension und persönliche Bedeutung zugewandt, diskret mit Anderen in Meditation, Gespräch und Liturgie zu teilen beginnt. Die verspürte, verbindende Gegenwart Gottes im Medium der Gruppe ist das Trosthafte des »spirituellen Wir«.

resonanz

Diese gemeinschaftliche Präsenzerfahrung ist analog zur »Geistlichen Freundschaft« zu verstehen, welche zwei Menschen in besonderer Weise miteinander teilen. Aelred von Rievaulx sagt: „Ecce ego et tu, et spero quod tertius inter nos Christus sit ‒ Hier sind wir beide, ich und du, und ich hoffe, als dritter ist Christus bei uns.“ (De spiritali amicita I,1). Es ist ein Trostverspüren zusammen mit Anderen, was nicht unbedingt die Exklusivität einer Freundschaft erfordert, jedoch deutlich den Horizont durchschnittlicher religiöser Gruppenidentitäten über­schreitet.

Gemeint ist ein Berührtsein vom Trost Gottes, eine gemeinschaftliche Zunah­me an Bewusstheit, Spontanität und Nähe, das verschiedene Menschen, welche sich zweckfrei in ihrer Existenz- und Glaubenserfahrung begegnen, unwillkürlich zu einer Weggemeinschaft im »Hier und Jetzt« verbindet.­ Dabei ist das Trostempfinden des Einzelnen ­­Grundlage des gemeinsamen Trosterlebens. Umgekehrt bewirkt die Gemeinschaft ein Bewussterwerden und Verstärken des persönlichen Trostes. Es handelt sich um ein psycho-spirituelles Resonanzgeschehen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen ver­sammelt sind,­­­ da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20).

Dieses Empfinden ist mehr atmosphärisch, vorbewusst präsent als bildhaft, gedanklich, verbal. Wie ein hintergründiger Horizont des Schweigens, welcher den Stimmen im Vordergrund ihre vollmenschliche, spirituelle Qualität verleiht. Es begleitet, trägt und leitet den geistlichen Austausch in der Gruppe. Spirituelle Solidarität macht sich vor allem als ein kontemplatives, lichtvolles Fluidium bemerkbar, welche Verlebendigung, Freudigkeit und Sammlung auslöst.

glaubensform

Der »Geistliche Mensch« (homo spiritualis) ist von seinem Wesen her solidarisch. Er bezieht in seine individuelle Weise, geistlich zu leben, die verschiedenen Weisen der Anderen mit ein. Die Glaubenspraxis des Anderen wird identitätsstiftendes Moment des eigenen Glaubens­weges. Das Anderssein des Anderen wird als nicht trennend erlebt, sondern als bereicherndes, inneres, virtuelles Wesensmoment des eigenen Weges. In der Vielfalt der verschiedenen Weisen wird der eine Grundtrost des gemeinsamen Glaubensbewusstseins erfahrbar. Meister Eckhart erklärt: „Ein jeder behalte seine gute Weise und beziehe alle Weisen darin ein und ergreife in seiner Weise alles Gute und alle Weisen.“ (Reden, c. 17).

Jede Gruppe braucht ein Medium, worin sie sich auf das Geheimnis Gottes beziehen kann. Vor einzelnen Methoden und Formen ist dies eine »Integrative Spiritualität«. Diese verleiht der Glaubensweise der Einzelnen seine zeitgemäße Form, worin sie sich existentiell-geistlich begegnen können.

Die Grundlage für die gemeinsame Trosterfahrung besteht darin, dass alle Beteiligten dasselbe Glaubensbewusstsein teilen. Man könnte vom geistlichen Kollektivbewusstsein sprechen, welches die von allen geteilte Grundhaltung und Ansprechbarkeit im Spirituellen bezeichnet. Es umfasst die kollektive Gottes- und Welterfahrung, ist Horizont und Maßstab der Spiritualität der Ein­zelnen.

synthese

Solidarität im Glaubensleben wird durch unzeitgemäße, partikuläre Frömmigkeitsformen gehindert. Ideologisierte Gruppierungen sind, weil sie ihre jeweilige Identität an Teilaspekten der religiösen Überlieferung festmachen, wenig zu einer authentischen Solidarität fähig. Modernes Bewusstsein und Spiritualität gehen bei ihnen keine Synthese ein. Es fehlt die universelle, humane Weite. Der Zugang zur glaubensmystischen Erfahrung, ihrer geistlichen Schwierigkeit und personalen Bedeutung bleibt ambivalent. Es fehlt die erschließende, integrative Glaubensform, es mangelt am kreativen Medium.

Wo das Leiden am Schweigen Gottes in unserer Zeit, der mystische Sinn dieser Entzogenheit der Gottesnähe nicht bewusst angenommen wird, bleibt die Solidarität bruchstückhaft. Das Gemeinsame gewinnt keine existentielle Tiefe, ist in seinem Umfang auf religiös Sekundäres fixiert. Der alles entscheidende Trostgrund ist heute die Glaubenswirklichkeit selbst, und zwar als Mitte unserer Selbstwerdung. Denn imreinenGlauben ist Gott selbst und alles, was er ist, gegenwärtig. 

Spirituelle Solidarität ist Ausdruck der geistigen Liebe, sofern die Gottesliebe die Wertschätzung des Anderen mitumfasst. Sie gründet im »Glaubensgeist« (spiritus fidei), welche der Seele die Fähigkeit eingestiftet, Gott in allem zu lieben und alles in ihm. Thomas erklärt: „Der Grund aber, den Nächsten zu lieben, ist Gott. Denn das müssen wir im Nächsten lieben (diligere), daß er in Gott ist. Daher ist es klar, daß der Akt, mit dem wir Gott lieben und mit dem wir den Nächsten lieben, ein und derselben Art ist. Und deshalb erstreckt sich die Fähigkeit zur Liebe (habitus caritatis) nicht nur auf die Liebe zu Gott, sondern auch auf die Liebe zum Nächsten.“ (Sth. II-II, q. 25, a. 1)