integrativ

„Meine Worte sind Geist und Leben“ – Verba mea spiritus et vita sunt 
(Joh 6,63).

Die Grundworte ganzheitlichen Menschseins sind »Leben« und »Geist«.
Es ist ein Ineinander von lebenslebendigem Geist und geisterfülltem Leben, das unserer Existenz die ersehnte Fruchtbarkeit, Sinnhaftigkeit und Transzendenz schenkt.  
Prinzip, Mittel und Ziel aller vollmenschlichen, spirituellen Integration ist der Geist Christi.

lebensgestalt

Der Geist Christi vereint in sich menschlich-göttliche Eigenschaften aufgrund seiner Vollkommenheit, umfasst alle Wirklichkeit des Menschen. Die Überschreitung der geschöpflichen Polarität und entfremdeten Daseinsaspekte geschieht mittels der verwandelnden, einenden Formkraft des Geistes Gottes. Diese vereinigt die Zweiheit der Gegensätze ausgleichend, differenzierend und vergeistigend miteinander, dass sie sich wechselseitig zu einer integrativen Lebensgestalt ergänzen. Von daher ist »Integration« beides: Geschenk der einenden Kraft des Geistes (Gnade) als auch psycho-spirituelle Arbeit, um ein ganzheitliches, spirituelles Bewusstsein auszubilden (Übung).

Ein Hauptproblem ist die Spaltung des Lebens in vollständig profanisierte Bereiche und weltfremde religiöse Binnen­räume. Dies macht es schwierig, die spirituelle Weisheit mit der modernen Kultur zu verbinden. In der Gesellschaft wirken zunehmend Entfremdungsmechanismen, welche die leib-seelische Integrität der Person antasten. Damit geht die natürliche Erfahrungsbasis von Transzendenz und Humanität verloren. Hinzu kommt eine Unfähigkeit zur geistigen »Sammlung«, was jede spirituelle Erkenntnis und Einübung erschwert.

Die Schwierigkeit besteht darin, die meditative Einfachheit (simplicitas cordis) mit der im Alltagsleben geforderten differenzierten Funktionalität und Anpassung zu verbinden.  Spirituelles Ideal ist die organische Verbindung von »Tätigsein« (actio) und »Beschauung« (contemplatio), die Hinwendung zu äußeren Aufgaben aus einem meditativen Gesammeltsein heraus.

glaubensform

Meister Eckhart erklärt: „Nicht als ob man seinem Innern entweichen oder entfallen oder absagen solle, sondern gerade in ihm und mit ihm und aus ihm soll man so wirken lernen, daß man die Innerlichkeit ausbrechen lasse in die Wirksamkeit und die Wirksamkeit hineinleite in die Innerlichkeit“ (Reden, c. 23).

Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die spirituelle Praxis in ein Glaubensbewusstsein eingebettet ist, welches Antwort auf die geistliche Not der Zeit gibt, die Gegensätzlichkeit produktiv zu verarbeiten vermag. Nur eine »Integrative Spiritualität« wird den übertriebenen, ichhaften Funktionalismus meistern können, welcher die moderne Erfahrung einer kollektiven Gottesferne und absurden Sinnlosigkeit bedingt.

Niemand vermag Tradition und Moderne, Spiritualität und Berufsleben, Kontemplation und Aktion zu einer fruchtbaren Einheit bringen, wenn ihn nicht seine Glaubensform mit dem universellen Geist Christi verbindet, der alles geschaffene Sein umgreift und in sich eint. In Christus als »Logos«, dem göttlichen Wort, sind „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen“ (Kol 2,3).

seelengrund

Unsere Spiritualität muss in ihrer Gestalt vom Geist Christi durch­formt werden, sein universeller Geist sie umspannen. Nur so kann es gelingen, Innerlichkeit und Weltbe­zug schöpferisch miteinander zu verbinden. Die geistliche Kunst besteht darin, die spirituelle Wahrheit des Anderen in das Eigene aufzunehmen, ohne sie zu vereinnahmen oder sich selbst an sie zu veräußern. Die Anerkenntnis des Wahren in den Religionen und der Kultur, ihre spirituellen und humanen Werte, und der Glaube an die Offenbarung Gottes in Christus müssen eine Einheit bilden.

Dies ermöglicht ein »Mystisches Glaubensbewusstsein«, das christozentrisch, universell und solidarisch ist. Durch das »Glaubenslicht« (lumen fidei), welches der Geist Gottes verleiht, wird der Mensch in all seinen Wesensaspekten auf die Transzendenz ausgerichtet und zur »Gottesfreundschaft« befähigt (Joh 15,14). Integrative Kraft entspringt besonders dem kontemplativen Gebet, der psychologischen Selbsterfahrung, welche die Person für die Tiefendimension des Glaubens öffnet. Ohne dies fehlt dem Menschen die geistige Verankerung in seiner Wesensmitte, seinem »Selbst« (Seelengrund), welche ihn vor der Veräußerlichung und Entfremdung schützt.

Die mystische Kernerfahrung besteht in einem Verspüren des Trost­charakters des Glaubens ohne vermittelnde Gedanken- und Willensaktivität (sine medio). Es ist ein bewusstes, bildloses, intuitives Gewahr­werden der göttlichen Präsenz im Glauben. Die Erfahrung  geistlichen Trostes (consolatio), das Berührtsein von der Präsenz Gottes sind Ursprung, Wachstum und Reife des Glaubens.

glaubensmystik

Mitte der Integrativen Spiritualität bildet die »Glaubensmystik«. Der Glaube ist das entscheidende Medium, durch welches wir immer mehr mit Gott eins werden. Johannes vom Kreuz sagt: „Die Seele muss im dunklen und reinen Glauben wandeln, welcher das geeignetste und passendste Mittel zur Vereinigung mit Gott ist.“ (Dunkle Nacht II,2).

Die Differenziertheit des modernen Personseins bedarf einer unmittelbaren Form des Vertrauensglaubens, welche die Seele des Menschen auf ihre Geist­mitte hin, den »Seelengrund« (abditum mentis), transparent macht. Darin findet der Mensch seine spirituelle, persönliche Identität. Von daher gehören Glaube, Meditation und Psychologie zusammen. »Spirituelles Bildungsideal« ist die kontemplativ-aktive Persönlichkeit, welche über ein Gespür für die mystische Glaubensdimension, universelle Christuserfahrung und moderne Humanität verfügt. Diese Einheit findet ihr Vorbild in der Lebensform Christi.

Thomas von Aquin erklärt: „Jenes tätige Leben (vita activa) jedoch, in dem man durch Predigt und Belehrung das in der Kontemplation Geschaute anderen mitteilt, steht jedoch höher als ein rein beschauliches Leben (vita contemplativa). Denn ein solches Leben setzt bereits die Fülle der Beschauung voraus. Deshalb hat Christus ein solches Leben gewählt.“ (Sth. III, q. 40, a. 1 ad 2).